Der Blumentraum

Ein alter Garten war in einen Ziergarten und in eine Geröllhalde aufgeteilt.
Der Ziergarten lag im vorderen Teil. Es blühten Rosen, Lupinen und andere feine Blumen. Es duftete nach Lavendel, Thymian, Melisse und Salbei. Dieser Teil war das ein und alles des Gärtners und seiner Familie.
Die Geröllhalde bestand aus einem Haufen grauer Steine, die man jahrelang hierher geschüttet hatte. Ebenso war hier auch Platz für den Kompost. Hierher kam der Gärtner nur, wenn er Unrat abladen musste.
Ganz hinten stand die alte Mauer und grenzte den Garten vom Nachbarsgarten ab.
An dieser Mauer wuchs eine kleine Blume der Sonne entgegen. Von da aus konnte sie gerade noch in den Ziergarten sehen.
Es war ihr erster Frühling. Niemand wusste so recht, wie sie dahin gekommen war…vielleicht der unglückliche Zufall des Windes.
Sie hatte viel Zeit zum Nachdenken. Am meisten faszinierte sie die Mauer. Die beiden waren aufeinander angewiesen. Während die Mauer ihr Schutz und Halt gab, zauberte die Blume Farben ins Grau.
Manchmal liess sie ihre Gedanken weit schweifen. Meistens landeten sie hinter der anderen Seite der Mauer. Für die kleine Blume war das schon recht weit.
Wie gerne hätte sie gewusst, was dahinter lag. Wen sie auch fragte, niemand konnte ihr eine Antwort geben. Aber sie spürte, dass hinter der Mauer etwas ganz Besonderes, ein Geheimnis verborgen war.
Wie wuchs sie in den langen Sommertagen! Sie durfte recht stolz auf ihre Grösse sein. Doch dann fegten die ersten Herbststürme brausend übers Land.
Die kleine Blume verlor ihren Lebensmut. Ängstlich verkroch sie sich unter die Mauer. Im Winter fror sie bitterlich, obwohl die Mauer einen Teil des Frostes abwehren konnte.
Ein neuer Frühling zog ins Land. Die Blume wuchs wieder, wie auch die andern im Ziergarten. Langsam begann die Blume zu ahnen, dass sie nur eine Mauerblume war. Wie oft beneidete sie die andern. Sie wünschte sich, einmal in ihrem Leben das rote Kleid der Rosen tragen zu dürfen. Oder so schön zu leuchten, wie es die Lupinen taten.
Wie gerne hätte sie auch so eine duftende Zärtlichkeit des Lavendels oder des Thymians versprüht. Doch sie blieb eine Mauerblume. Mit Wehmut sah sie den Blumen nach, die vom Gärtner abgeschnitten wurden.
Auch von den Kindern wurde sie übersehen, die sich doch alles pflückten, was nach Blume aussah.
Doch ebenso oft kam dann für die kleine Blume die Ernüchterung. Meistens lagen die gepflückten oder geschnittenen Blumen am nächsten Tag bereits auf dem Kompost. Nein, dieses kurze Blühen, ohne jemals das Geheimnis seiner selbst erfahren zu haben, lag ihr nicht.
Dafür wurde ihre Beziehung zur Mauer immer intensiver. Sie wusste, dass sie vor dem Hintergrund der Steine so schön farbig leuchtete.
Hin und wieder kamen Tage der Enttäuschungen. Dann war sie wieder drauf und dran, alle ihre Wünsche aufzugeben. Vielleicht war das Leben der anderen Blumen sinnvoller! Aber eine innere Stimme mahnte sie an das Geheimnis hinter der Mauer und sie verwarf ihre törichten Gedanken.
Sie war in der letzten Zeit ein grosses Stück der Sonne entgegengewachsen. Herbststürme trieben schon das Land zur Einkehr.
Die Blume wurde so zerzaust, sie verlor ihre Blätter, und der Stängel war an vielen Stellen aufgerissen.
Sie brauchte lange, bis sie darüber hinwegkam. Im nächsten Frühling wollte sie lange Zeit nicht mehr wachsen. Doch allmählich stieg wieder eine Kraft in ihr hoch. Ein Gefühl stieg auf, das ihr sagte, sie würde nun allen Stürmen trotzen können.
Sie wuchs weiter nach oben. Sie schoss nicht mehr, wie ein Pfeil aufwärts. Sie wuchs breit und rund und spürte ihre festen Wurzeln.
Eines Tages erwachte sie mit dem Gefühl, dass etwas ganz Besonderes geschehen würde. Ihr Herz klopfte schneller, als sie merkte, dass sie nur noch wenig unter der Mauerkante war. Heute würde sie es schaffen! Endlich! Der langersehnte Augenblick war da. Sie sah in den anderen Garten!
Wie war sie überrascht und erstaunt. Es war das Spiegelbild ihres eigenen Gartens! Vorne lagen der Ziergarten und weiter hinten die Geröllhalde. Und wo lag nun das Geheimnis, um dessen sie alles ausgehalten hatte?
Eine andere Blume, so schön wie sie, tauchte auf und sagte: „Ich wusste es, als ich heute aufwachte: Das ist mein Tag!“
„Dein Tag? Nein, unser Tag!“ erwiderte die Blume, die so lange gehofft hatte. Und ihre Blüten verschmolzen ineinander, wurden eins und verwandelten sich zu einem Sommervogel. Taumelnd vor Glück löste er sich von den fesselnden Stängeln.
Mit sachten, leisen Flügelschwingen flog er der Unendlichkeit entgegen. Frei und grenzenlos schwebte er über Dörfer, Orte und Felder. Er erzählte Menschen, Tieren und allen Pflanzen von seinem Geheimnis.
Und wo er hinflog, da spürten Menschen, Tiere und Pflanzen einen Herzschlag lang Utopia: Land der Erfüllung.


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