Was kommt Ihnen beim Stichwort Frühling in den Sinn? Wenn Sie nicht gerade an Heuschnupfen leiden oder der Frühlingsputz Sie stresst, ist der Frühling mit Glücksgefühlen gleichgesetzt. Die Tage werden länger, die Vögel begrüssen uns am Morgen wieder vielstimmig. Aus den Zweigen grünt es. Und selbst die Älteren unter uns spüren leise ihren zweiten oder dritten oder.. Frühling.
Frühling bedeutet aber auch loslassen können, sich zu Neuem hinwagen, aufbrechen. Und in diesem Wort „Aufbruch“ steckt auch der Begriff „Bruch“.
Ich möchte dies an drei Bildern erklären:
Wenn der Bergbach sich im Frühling zu Tale stürzt, ist er gefährlich, wild und überschäumend. Er trägt viel Wasser mit sich, die Schneeschmelze hat ihn gefüllt. Tosend sucht er sich seine Bahn. Es wäre gefährlich, sich ihm in den Weg zu stellen. Wer sich ihm entgegenstemmt, wird zerschunden und zerschlagen. Man muss sich mitreissen lassen. Nur so findet man zum Meer.
Zweites Bild: Damit der Sämling Wurzeln schlagen kann, muss er seine schützende Hülle verlassen und sich ins Dunkle wagen. Die Gefahren sind gross, eine Zeitlang lebt er ganz im Chaos, bis das erste zarte Grün den Boden durchdringt.
Genauso geht es im dritten Bild dem kleinen Vogel im Ei. Die schützende Schale wird zu eng, doch was erwartet ihn draussen? Seine sorgenden Eltern oder die gefrässige Krähe? Später, wenn der kleine Piepmatz fliegen lernt, braucht er noch einmal eine ganz gehörige Portion Mut und Vertrauen in seine Flügel.Und trotzdem gibt es für das Samenkorn und für den Vogel kein Halten mehr. Das Leben ist stärker als all die vielen „Wenn“ und „Aber“.
Sicher, der Naturwissenschaftler in uns hat die Erklärung schon parat: Das ist halt so mit der Natur. Alles gesteuert von Licht, Hormonen und chemischen Stoffen. Nein, wir Menschen lassen uns nicht mehr von Instinkten lenken, wir haben uns von der Natur emanzipiert. Trotz dieses Wissens halten wir uns ängstlich fest, wenn das Leben uns mitreissen will. Wir verkümmern lieber, als die einengende Hülle aufzureissen. Und unsere Flügel hängen schon lange im Mottenschrank, gleich neben der Weihnachtsdekoration.
Wie viele leben nur ein bisschen, sind unglücklich und wenn man versucht, sie aus dem Schneckenhaus zu ziehen, verkriechen sie sich noch weiter hinten.
Wenn Gott mit seinem liebenden schöpferischen Geist schon für so Nichtigkeiten wie Spatz und Samenkorn schaut, wie viel mehr trägt und begleitet er uns.
Man muss sich ja nicht gleich vom Saulus zum Paulus wandeln und alles alte Leben abbrechen.
Es sind die kleinen Gesten, die das Leben lebenswert machen. Mal wieder ein Lächeln statt dicken Make-ups auftragen, mit Kindern barfuss durch die Pfützen springen. Sich seinen einzigartigen Gaben und Talenten bewusst sein. Vielleicht passen die Flügel ja noch.
Erst wenn wir das Leben annehmen können mit all seinen Brüchen und Verwundungen, erst wenn wir immer wieder von neuem wagen ins Dunkle zu springen, werden wir es lieben können.
Und diese Liebe ermutigt uns, fürs Leben einzutreten, sich gegen Ungerechtigkeiten zu wehren.
Das lehrt uns immer wieder von neuem Ostern. Jesus, der ganz im Urvertrauen Gottes lebte, der diese Liebe zum Vater immer wieder erfuhr, konnte so auch die Menschen grund- und bodenlos lieben. Und war darum auch erfüllt vom Mitgefühl. Wagte auf die wunden Stellen zu zeigen, berührte sie und litt.
An Ostern hat er seine Hülle durchbrochen und ist zum Leben erwacht.
