Es war einmal ein Blatt, dem wurde alles viel zu viel mit all diesen vielen Blattadern und –äderchen. Ihm genügte die Hauptachse: schön senkrecht, schön waagrecht, da wusste es, woran es war. Die anderen Adern, die in alle Richtungen flossen, verwirrten es nur.
Das Blatt beschloss Ordnung zu schaffen. Es klemmte alles ab, was nicht zur Hauptachse gehörte.
Es war einmal ein Blatt, das starb mitten im Sommer, weil es meinte, die absolute Wahrheit gefunden zu haben. An den Rändern wurde es braun, das einst frische Grün wurde leer. Zuletzt blieb nur noch die Hauptachse als trauriges Mahnmal zurück.
Es war einmal ein Mensch, dem wurde alles viel zu viel mit all diesen vielen Religionen, Ideologien und Meinungen. Ihm genügte eine – schön aufrecht und schön waagrecht. Da wusste er, woran er war.
So bekämpfte er rigoros alles, was von dieser Hauptlinie abwich. Es war einmal ein Mensch, der wurde an den Rändern braun und innerlich leer.
Im Gegensatz zum Blatt lebte der Mensch weiter und vermehrte sich sogar, bis es unzählige wurden, die nur noch auf ihre Hauptachse schworen. Ein neues Geschlecht ward geboren: der „Homo intolerans“. Man sieht ihn überall, er kämpft mal für dies und mal für das. Oft merkt er gar nicht einmal, dass er sich eigentlich um die gleiche Hauptachse wie die anderen streitet. Wo ihm die Argumente ausgehen, schafft er sich mit Schlagwörtern Gehör.
Wenn man um sich schaut, könnte man meinen, die Welt bestünde nur noch aus leerem Geschrei. Und doch, es gibt sie noch: Die Stillen, die Leisen, die den feinen Äderchen folgen, auch wenn sie sich ab und zu verirren. Die auch andere Argumente versuchen zu verstehen, auch wenn es sie verwirrt.
Denn da war Einer, der lebte für all diese kleinen Blattadern und –äderchen. Er wurde nicht müde, die Einheit des ganzen Blattes zu lehren. Doch die Blinden kreuzigten ihn; nagelten ihn ausgerechnet an die Hauptachse. So hing Jesus- zuerst als ein trauriges Mahnmal. Aber er überwand die Totenstarre. Er blies der Hauptachse neues Leben ein. Damit wir wieder aufrecht gehen können, mit weit ausgestreckten, waagrechten Händen, offen für andere.
