Engelfeaver

Engelfeaver

Sie hiess Lydia und war von Kopf bis Zehenspitze eine sportliche, muskulöse, durch und durch trainierte Natur.

Er nannte sich Moritz, hatte eine Denkerstirn, war ein grosser Träumer und konnte ausgezeichnet kochen.

Eigentlich wären das ja noch keine nennenswerten Gründe gewesen, dass da die Liebe auch noch ein Wörtchen mitzureden hätte, ausser, dass sich Gegensätze anziehen.

Es war aber die Zeit der Lehrabschlussprüfung von Liebesgott Amors Eleven. Ein Schüler war so nervös, sein Schuss mit dem Liebespfeilbogen missriet gründlich. Lydia und Moritz waren sofort Feuer und Flamme füreinander.
Der Schüler wurde zum Wolkenputzen strafversetzt. Dabei waren Lydia und Moritz so glücklich, ihr Herzklopfen hörte sich an, als ob da ein Tausendfüssler über einen Holzboden steppte.

Auch ihre beiden Schutzengel, Estramus und Fidelius, kamen zusammen- rein geschäftlicher Natur.

Sie hatten sich viel zu erzählen: „Dieser Mann da treibt mich noch in die vorzeitige Pensionierung!“ klagte Estramus. „So ein Träumer, also, wenn ich nicht wäre, hätte er sicher schon alle Automarken geküsst, um es mal so auszudrücken. Neulich war er so zerstreut, da wollte er sich doch tatsächlich in der Badewanne die Haare föhnen!“

„Reines Kinderspiel ist dein Job!“, meinte Fidelius, „wenn du wüsstest… meine ist Bergsteigerin. Sie klettert dir die steilsten Wände hoch, dass es dir sogar als Engel schwindlig wird!“

„Ja, ja, es ist einfach nicht mehr wie früher!“, seufzten beide.
Jetzt, mit dieser Liebelei, wurde es noch viel schlimmer. Man weiss ja, wer verliebt ist, verliert leicht den Kopf. Und so mussten die Engel doppelte Arbeit leisten. Nachts fielen sie todmüde in die Wolken.

Zum Glück gab es auch Stunden, wo Lydia und Moritz sich einander die neuesten Songs oder Briefmarken vorstellten. Oder war es etwas anderes? Aehm, lassen wir das! Estramus und Fidelius zogen sich, wie es sich für einen wohlerzogenen Schutzengel gehört, diskret zurück und klopften nebenan einen himmlischen Jass.

Nach einer besonders schlimmen Woche drängte es Estramus, der kurz vor dem Burnout stand, zur Ruhe. „Hör mal!“, erklärte er seinem Arbeitskollegen-Engel, „wenn beide zusammen sind, braucht es doch nur einen Engel, oder? (Jobsharing nennt sich das!). Wie wär’s, wenn wir uns einander ablösen würden? Diesmal passt du auf, und ich mache frei, das nächste Mal darfst du pausieren.“

In seinem jugendlichen Übermut sagte Fidelius zu. So schlimm würde es diesmal sicher nicht werden, wollten doch die beiden Verliebten am Fluss entlang promenieren.

Aber er täuschte sich. Die beiden waren noch zerstreuter als je zuvor. Irgendwie schien sie etwas zu bedrücken. Fidelius spielte eine leise Melodie auf der Harfe vor, um die beiden aufzumuntern. Doch es nützte nichts.

Lydia und Moritz hielten auf der Brücke an und schauten ins Wasser. Fidelius bekam es mit der Angst zu tun – Schutzengel scheuen nämlich das Wasser, wie der Teufel das Weihwasser. Wenn nämlich ein Teil von ihrem Körper nass wird, wird er sichtbar. Deshalb bleiben Schutzengel bei Regen zu Hause. Kein Wunder also, wenn bei solchem Wetter so viele Unfälle passieren!

Die beiden beugten sich scheinbar noch mehr übers Geländer. Einem Seiltänzer gleich, balancierte Fidelius auf dem Geländer herum, um sie von vorne sanft zurückstupsen zu können. Wenn das Petrus sehen würde!

Doch was musste er hören? Moritz wollte die Beziehung abbrechen. Irgendwie, fühlte er, würden sie nicht zusammenpassen (Liebespfeile haben keine unbeschränkte Wirkung…).

Lydia gab nicht so schnell auf, wollte auf die Kletterei einstweilen verzichten, das Motorrad verkaufen, den Karatekurs aufgeben. Sie erklärte ihm auch, dass sie gut für die Familie sorgen wolle, falls da mal was entstünde.

Doch Moritz war sich seiner Sache sicher: „ Ef tut mir leid, aber ef ift wirklich auf!“

Voll Freude sprang der Schutzengel Fidelius in die Höhe, verlor das Gleichgewicht und fiel ins Wasser.

Lydia und Moritz erschraken fürchterlich. „Ih, ein Voyageur!“ kreischte Moritz. Lydia entgegnete ihm, während sie sich der überflüssigen Kleider entledigte, dass es Voyeur heissen würde. Und mit einem Hechtsprung war sie auch schon im Wasser verschwunden. Sie hatte alle Kurse in Lebensrettung besucht, doch ein Engel war schon ein anderes Kaliber. Vor allem kamen ihr seine Flügel in den Weg, dauernd schluckte sie Federn. Die Strömung nahm immer mehr zu, doch sie hatte keine Chance gegen Lydias Sportlichkeit! Mit kräftigen Beinstössen, den Engel an den Schwingen haltend, schwamm sie ans Land.

„Wer bist du?“, fragte sie wütend den vermeintlichen Eindringling. Mein Gott war das peinlich für Fidelius! Wenn das Petrus wüsste! Er wollte zuerst gar nichts sagen, doch als ihm Lydia drohte, jede einzelne Feder auszurupfen (womit das neue Sprichwort: Ich habe mit dir noch einen Schutzengel zu rupfen! kreiert wurde), gestand er stockend die Wahrheit.

Lydia fand das alles andere als lustig. Mit so einem Schutzengel war man des Lebens nicht mehr sicher! Sie beschloss in ein geschlossenes, gut beschütztes Kloster einzutreten.

Da hätten sie aber Moritz sehen sollen! Als er sah, wie sie den Engel aus dem Wasser rettete – ein Stuntman wäre vor Neid erblasst! – entflammte die Liebe neu in ihm. Er bewunderte ihren Heldenmut, so eine Frau hatte er sich immer gewünscht!

Doch Lydia war auf dem Weg ins Kloster. (Die Spannung steigt, bitte legen sie die Pommes-Chips zur Seite!). Moritz rannte ihr nach. „Lydia!“, schrie er. Er sah, wie sich die Klostertür öffnete. Voll Liebe, die ihn halb wahnsinnig machte, stürmte er darauf los. Er verfehlte das Tor, prallte gegen die Mauer, die krachend in sich zusammenfiel.

Lydia blieb unschlüssig stehen. Moritz kniete vor ihr hin. (Haben sie das Taschentuch schon gezückt?) und hauchte: „Lydia, Liebfte!“ (er lifpelte ein biffchen, aber wirklich nur ein biffchen…)

Und ihre Herzen schmolzen, wie der EU-Butterberg unter der Sahara Sonne.
Tja, und so kam es halt, wohin es der jugendliche Leichtsinn mal so führen kann. Sie heirateten. Die beiden Schutzengel, jetzt beide wieder unsichtbar, schnäuzten sich bei der Trauung vor Rührung drei Kleenex-Päckchen voll.

Estramus und Fidelius hatten von da an viel Zeit für einen himmlischen Jass. Ab und zu wunderten sie sich zwar, welche Dimension die CD- und Briefmarkensammlung angenommen hatte. Aber ein Schutzengel hüllt sich in Flügeln und schweigt.

Die Natur war Lydia und Moritz sehr hold. Zuerst kam Angela auf die Welt, dann Engelbert. Als weitere folgten: Angelika, Angelina, Angelo, Engelbrecht, Angel, Angéline und als Nesthäkchen Angelique.

Und da soll noch einer sagen, Schutzengel, und seien sie auch noch so nass, würden kein Glück bringen!

Moritz wurde ein guter Hausmann und Lydia brachte es weit hinauf als Firmenchefin.

Und wenn sie nicht gestorben sind, hausmännern, managern und jassen sie immer noch.


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