Das höchste Glück

(oder wenn Bauern zu sehr lieben)

Das höchste Glück auf Erden
ist bei den Pferden,
von Geburt bis zum Sterben
ein Ross zu werden.

Das höchste Glück bei den Kühen
ein Leben voll Gras ohne sich zu mühen.
Das höchste Glück bei den Schafen,
ein Leben mit Wolle und viel Schlafen.

Das höchste Glück bei den Schweinen
quitschvergnügt sein, ohne zu weinen.
Das höchste Glück bei den Geissen,
kleine schwarze Kügelchen zu schei…

Das höchste Glück bei den Hühnern
ein Misthaufen mit viel Würmern.
Das höchste Glück bei Katzen
ein Maudi mit weichen Tatzen.

Das höchste Glück bei den Affen
ein Leben ohne zu schaffen.
Das höchste Glück bei den Elefanten
wenig Besuch von den Tanten.

Das höchste Glück bei der Maus:
Hoffentlich geht der Käse nie aus.
Das höchste Glück bei der Fledermaus
ein Leben in Saus und Braus.

Das höchste Glück bei mir,
ich gebe es ja zu,
das bist nur du.

(1982)


Der Regenbogentraum

Damals vor endlosen Urzeiten heiratete Gott seine grosse Liebe, seine Göttin. Verliebt schlenderten sie im himmlischen Garten umher, der unter der geduldigen Hand der Göttin von einem farbigen Wunderwerk ins andere überfloss. Gott drückte seine Liebe zu ihr mit vielen kleinen Bildern, Schnitzereien und Töpfereien aus. Manchmal, wenn ihnen der Himmel, den sie von der Abendbank aus still betrachteten, leer vorkam, verzog er sich in seine kleine Werkstatt. Alsbald oder auch länger tauchte er dann verschmitzt vor seiner Göttin auf; die eine Hand hielt er hinter seinem Rücken versteckt. Sie konnte es kaum erwarten, bis er ihr das neue Präsent zeigte. Mal war es ein Komet, der für einen unvergesslichen Moment lang den Nachthimmel in einen Paradiesvogel verwandelte. Oft waren es auch unvergängliche Geschenke. Kurz nach der Hochzeit schenkte er ihr Sonne, Mond und Sterne. Er erklärte ihr: „Die Sonne wird dich durch den Tag begleiten, Mond und Sterne werden im Nachthimmel ihre leuchtenden Kreise ziehen!“

Immer wieder war es dann die Göttin, welche diese Geschenke vollkommen machte. Vorsichtig sammelte sie im Garten die Tautropfen ein und träufelte diese auf die kleinen Kunstwerke. Das Glitzern, das sie nun staunend betrachten konnten, spiegelte sich auch in ihren Herzen! In der Zeit kurz vor dem ersten Hochzeitstag war Gott besonders eifrig. Zuerst suchte er sich aus den Planeten, die er später noch modelliert hatte, den schönsten heraus. Er legte ihn auf die Werkbank. Darauf wanderte er lange im Garten umher und nahm die Gedanken mit, die seine Seele berührten. In liebevoller Kleinarbeit bastelte er tage- und nächtelang am kleinen Planeten herum. Um das Wasser, das ihm als Wichtigstes erschien, schuf er eine farbige und fruchtbare Natur. Die Pflanzen waren kleine Imitationen des himmlischen Gartens. Er schnitzte Tiere, während er an all die Liebe, die ihm seine Frau gab, dachte. Als letztes formte er zwei Gestalten aus Lehm. Die eine glich ihm, die andere war ein Ebenbild seiner Frau. Seine Göttin hatte Tränen in den Augen, als er ihr sein Meisterwerk zeigte. Ein inniger Kuss und eine Umarmung, die ein Mondlächeln-lang dauerte, war der kleine Dank dazu. Vorsichtig hängten sie den kleinen Planeten an seinen Platz zurück. Doch irgend etwas fehlte noch. Die Göttin holte ein leeres Seifenblasen-Fläschchen. Gemeinsam gingen sie in den Garten und füllten es mit seinen Farben und seinen zärtlichen Erinnerungen, die er ausstrahlte. Ein Kuss von beiden und das Fläschchen war voll. Hand in Hand besuchten sie den Planeten und liessen das Seifenblasenspiel über ihn tanzen. Nun spürte Gott, was er in seinem praktischen Tun vergessen hatte- er hatte dem Planeten keine Seele eingewoben.

Ein wenig weit war der Weg zu diesem Planeten, den sie „Erde“ tauften. Und so schuf Gott eine Brücke aus sechs Farben. Das waren: Violett, Blau, Grün, Rot, Orange und Gelb. Die Farben legte er sachte übereinander, bis ein Regenbogen entstand. Er holte seine Frau aus ihrer Gartenarbeit heraus und stolz führte er sie über diese Brücke. Der Regenbogen und der Himmel zitterten leise und die beiden Menschen auf der Erde hielten ehrfürchtig den Atem an.

Die Jahre vergingen. Gott und seine Frau wurden älter. Die Menschen auf der Erde wurden derer viele. Gott hatte ihnen damals die Kraft der Liebe geschenkt, die es ihnen möglich machte, neu in ihren Kindern aufzugehen. Und so lebten sie viele Jahre so, waren beseelt und der Herzschlag der Liebe lebte in Allem. Eines Tages fehlte dem Regenbogen eine Farbe. Gott wurde sehr traurig. Seine Frau tröstete ihn, dass er ja noch die anderen Farben habe. „Wenn das nur gut geht!“ seufzte Gott. Seine düsteren Ahnungen bestätigte sich. Bald fehlte auch die nächste und der Regenbogen wurde sehr brüchig.

«Vielleicht hast du sie mit den vielen Farben überfordert. Vielleicht müssen sie sich jetzt an eine halten!“ meinte die Göttin, doch Gott wurde immer nachdenklicher. Bald war auch letzte Farbe verschwunden und die Erde lag weit weg. Gerade jetzt wäre diese Brücke nötig gewesen. Auf der Erde passierten schlimme Dinge, die Gott krank machten: Jedes Volk hatte eine Farbe genommen und mit ihr eine dunkle Mauer um sein Reich gezogen. Die Menschen begannen Kriege miteinander zu führen. Jedes Volk behauptete, seine Farbe sei die einzig wahre. Die Leute wurden blind vor Hass. In ihren Herzen erlosch langsam der Pulsschlag von Gottes Seele. Ein wüstes Geschrei mussten Gott und Göttin hören. Er wurde noch kränker und zog sich in seine Kammer zurück. Selbst die Gemüsesuppe, die ihm seine Frau gekocht hatte, liess er stehen. Lange stand die Göttin an ihren gemeinsamen Lieblingsplatz, wo man weit über die Erde schauen konnte. Sie fühlte einen riesengrossen Schmerz in sich aufsteigen. All diese gemeinsame Liebe von ihr und ihrem Mann, die auf der Erde pulsierte. Doch die Menschen hatten den Rhythmus mit Gewehren und Granaten in Stücke gerissen und ihn in ein zerhacktes Staccato zerfetzt. Zum Glück hatte sie noch den Garten. Dieser zeigte ihr auch, dass in jedem Winter auch bereits das Samenkorn des Frühlings schlummert.

Eines besonders schönen Herbsttages kam die Göttin aufgeregt ins Haus und führte ihren Mann hinaus. Seine Augen füllten sich mit Tränen, als er den kleinen Regenbogen sah. Gewiss, es waren nur zwei Farben, grün und violett, die ineinandergeflochten waren, aber der Regenbogen lebte und führte von der Erde bis zum Himmel hinauf. „Schau,“ sagte die Göttin. «Zwei Menschen haben sich in Liebe zueinander gefunden!“ „Aber was ist daran Besonderes? Das war doch immer so.“

„Nicht so wie dieses Mal. Die beiden entstammen aus zwei verschiedenen Kreisen. Sie mussten zuerst ihre eigenen Mauern durchbrechen, doch die Liebe war stärker als die Mauer um sie herum!“ Ihre Stimme überschlug sich fast vor freudiger Erregung: „Als sie spürten, wie die Liebe ihnen den Pulsschlag der Seele zurückgab, schenkten sie einander das Wertvollste, was man sich unter den Menschen geben kann. Ja, mein Lieber, stell dir vor, ihre eigenen Farben gaben sie einander, als Zeugnis ihrer grossen Liebe!“

Gott hätte, wenn er noch jünger gewesen wäre, glattwegs einen Purzelbaum geschlagen. Eilig lief er nach Hause und spürte, wie die Hoffnung neu in ihm aufstieg.

(1992)


Eine Blattbetrachtung

Es war einmal ein Blatt, dem wurde alles viel zu viel mit all diesen vielen Blattadern und –äderchen. Ihm genügte die Hauptachse: schön senkrecht, schön waagrecht, da wusste es, woran es war. Die anderen Adern, die in alle Richtungen flossen, verwirrten es nur.
Das Blatt beschloss Ordnung zu schaffen. Es klemmte alles ab, was nicht zur Hauptachse gehörte.

Es war einmal ein Blatt, das starb mitten im Sommer, weil es meinte, die absolute Wahrheit gefunden zu haben. An den Rändern wurde es braun, das einst frische Grün wurde leer. Zuletzt blieb nur noch die Hauptachse als trauriges Mahnmal zurück.

Es war einmal ein Mensch, dem wurde alles viel zu viel mit all diesen vielen Religionen, Ideologien und Meinungen. Ihm genügte eine – schön aufrecht und schön waagrecht. Da wusste er, woran er war.


So bekämpfte er rigoros alles, was von dieser Hauptlinie abwich. Es war einmal ein Mensch, der wurde an den Rändern braun und innerlich leer.
Im Gegensatz zum Blatt lebte der Mensch weiter und vermehrte sich sogar, bis es unzählige wurden, die nur noch auf ihre Hauptachse schworen. Ein neues Geschlecht ward geboren: der „Homo intolerans“. Man sieht ihn überall, er kämpft mal für dies und mal für das. Oft merkt er gar nicht einmal, dass er sich eigentlich um die gleiche Hauptachse wie die anderen streitet. Wo ihm die Argumente ausgehen, schafft er sich mit Schlagwörtern Gehör.


Wenn man um sich schaut, könnte man meinen, die Welt bestünde nur noch aus leerem Geschrei. Und doch, es gibt sie noch: Die Stillen, die Leisen, die den feinen Äderchen folgen, auch wenn sie sich ab und zu verirren. Die auch andere Argumente versuchen zu verstehen, auch wenn es sie verwirrt.


Denn da war Einer, der lebte für all diese kleinen Blattadern und –äderchen. Er wurde nicht müde, die Einheit des ganzen Blattes zu lehren. Doch die Blinden kreuzigten ihn; nagelten ihn ausgerechnet an die Hauptachse. So hing Jesus- zuerst als ein trauriges Mahnmal. Aber er überwand die Totenstarre. Er blies der Hauptachse neues Leben ein. Damit wir wieder aufrecht gehen können, mit weit ausgestreckten, waagrechten Händen, offen für andere.

Dein Leben in Fülle

Und
Du schenkst mir
das Leben in Fülle
reich und überschwänglich.
Aus meinem vollen Stundenglas
perlen kostbar glänzende Momente
über.

Und
selbst in meinen
dunklen Stunden
bist du nah bei mir,
legst verheissungsvolle Worte
in meinen Wunden
sanft.

Und
ich lebe achtsam
meinen Traum,
von Dir geschenkt.
Reibe mich an meinen
Ecken und Kanten,
Du bist bei mir
aus Liebe
ganz.

Dankstelle

Ich sage Danke an dieser Stelle
für das kleine Samenkorn,
ein unscheinbarer Hauch bloss,
ein leises Erbarmen.
Und doch, es wächst, wird gross-
eine reiche Ernte halte ich in den Armen.

Ich sage Danke an dieser Stelle
für den glänzenden Regentropfen,
ein Wunder voller Farben,
er schenkt Leben im Kleinen.
Und für den kleinen Sonnenstrahl,
der mich neckisch an der Nase kitzelt.

Ich sage Danke an dieser Stelle
für den Frühling, der meinen Kokon sprengt,
für den Sommer, mit seinen langen Nächten
und seiner unbeschwerten Fröhlichkeit,
für den Herbst, der mir seine
Lebensfülle gibt und für den
Winter, der mich zur Stille einlädt.

Ich sage Danke an dieser Stelle
für das Kind, das mich zum Staunen bringt,
für den Teenager mit seinem
unbändigen Drang zum Leben,
und für den Menschen an meiner Seite,
der mein Leben mit all seinen Facetten teilt.

Ich sage Danke an dieser Stelle
für mein Leben mit all seinen
Höhen und Tiefen, mit seinen
vielen unerwarteten Wendungen,
es gewinnt wohl nie einen Schönheitspreis,
doch ich liebe es, es ist meines.

Ich sage Danke an dieser Stelle
für jede Falte im Gesicht,
jede einzelne ist eine Lebensspur
aus gelebten Tagen und erfüllten Träumen,
sie zeigen mir, das Leben ist schön,
trotz dem vielen, das Narben hinterlässt.

Ich sage Danke an dieser Stelle
für den Gevatter Tod,
er lässt mich nicht allein:
Wenn ich diesen letzten Schritt gehe,
nimmt er mich an der Hand
spricht er mein Amen,
wenn ich verstumme.

Urvertrauen

Wie oft bist du gefallen
und doch immer wieder aufgestanden.
Mit jedem Aufstehen wächst ein
Stück Urvertrauen,
das Netz, das dich trägt,
wird stärker und hält.

Wie oft fühlst du dich
verschwindend klein,
ein Staubkorn im Raum der Unendlichkeit.
Und hoffentlich ebenso oft,
spürst du das Lächeln des ewigen Geistes,
das dein Herz flutet
und dich gross und stark macht.

Es ist das Urvertrauen Gottes,
das dich auffängt, wenn du fällst.