Ruhe finden

Ottilien-Kirchlein, Obertüllingen D

Im Verzeichnis der mythischen Orte am Oberrhein zu finden.

Du lädst mich
zum Verweilen ein,
ich finde deine Ruhe hier
und begegne dich
mit all meinen Sinnen.
Ich spüre den Pulsschlag
wie ein Uhrwerk,
das einst und jetzt
und ewig schlägt.

Ich lege in deine Hände
meine Sorgen, meine Ängste,
all das dunkle, schwere,
das mich engt und
mich am Leben zweifelt.
Du verwandelst meine Last
in bunte Hoffnung
und neuen Mut.

Sternengebet

Lieber Gott

Manchmal da bin ich dir ganz nah
fühle mich berührt von dir
tauche ein in deine Wahrheit,
werde leise, werde ganz ruhig.
Und dann wieder bin ich
Lichtjahre von dir entfernt
und du bist mir fremd.
Ich lausche nach deinen Worten
doch höre ich nur ein Rauschen.
Ich bin ein kleiner Stern
umkreise dich, bin bei dir,
bin dir ganz fern.
Doch ich kann nicht lassen von dir.

Amen

Narrengebet

Lieber Gott

Ich bin ein Narr, ein Suchender
ein Lebenszweifler, mir selber fremd.
Durstig nach deiner Wahrheit,
will ich oft viel zu viel und verrenne mich.
Manchmal, da bin ich riesengross
und doch zu klein für deine Liebe,
manchmal, da bin ich winzig klein
und doch zu gross für dein Erbarmen.
Nimm mich an der Hand, trage meine Last,
sprich zu mir deinen Segen.

Amen

Sternschnuppe

Damals
als die Nacht mit ihrem Farbenspiel
die Erde streichelte,
sie sanft in den Schlaf wiegte
und
der Mond am Horizont
in die Unendlichkeit wanderte,
tauchtest du mir
als Sternschnuppe auf,
warst
heller als all die andern Sterne
und zeigtest mir einen Herzschlag lang
Utopia, Land der Erfüllung.
Noch
ehe ich verzaubert, verwundert
den Traum mir aus den Augen reiben konnte,
verschwandest du wieder in der Nacht
zurück.
Bei mir
blieb nur der Hauch von Wunder.

( Sommer 1986)

Atemgebet

Ottilien-Kirchlein, Obertüllingen D

Im Verzeichnis der mythischen Orte am Oberrhein zu finden.

Einatmen

Ich betrete deinen Raum,
du schaffst Raum in mir,
weitest meine Seele.
Ich stehe mit beiden Beinen
fest auf dem Boden,
spüre eine Verbundenheit
mit all den vielen Gebeten,
den gesagten, den stummen,
den verzagten, den leisen.
Du berührst mich zärtlich,
als wäre ich eine Harfenseite
und du der Spieler, der verzaubert.
Ich lasse den Ton ausklingen
und nehme ihn mit hinaus.

Ausatmen

Ich verlasse deinen Raum,
doch du bleibst bei mir,
als ein Ton, als ein flüchtiger Gedanke,
als ein grosser wärmender Trost.
Du führst mich hin zu den Linden,
als ein Vogellied, als ein leiser Wind
als ein fröhliches Kinderlachen.
Ich stehe mit beiden Beinen
fest auf dem kiesgesäumten Platz,
bin eins mit all den vielen Pilgern,
den Verliebten und den Verlassenen.
Meine Augen berühren den Himmel,
mein Dank an dich tanzt mit den Schwalben,
spielt mit den Drachen draussen auf dem Feld.

Pflanzenkommunikation

Ein Schwank in zwei Akten

In den Hauptrollen:
Ein gemeiner Strandflieder (SF), ein Löwenmaul (LM) und eine Nelke (Ne).

  1. Akt

Das Löwenmaul langweilt sich ein wenig in der Vase, überlegt sich wen man ärgern könnte.
LW an SF: Ja, wer sind denn Sie?
SF an LW: Ich bin ein gemeiner Strandflieder.
LW: Ja, wie gemein? So im Sinne von richtig fies oder von gewöhnlich?
SF (leicht genervt): Mit Betonung auf Flieder!
LW: Ach so, also hundskommun.
SF: (noch ein wenig mehr genervt): Ich kenne Sie, Sie Löwenmaul Sie, mit Betonung auf Maul!
LW: Na na, Sie wissen schon, dass der Löwe der König der Tiere ist, das gleiche gilt auch bei uns Blumen. Also bitte mehr Respekt.

Vorhang

  1. Akt

Das Löwenmaul, immer noch gelangweilt, schaut sich nochmals in der Vase um.
LW an Ne: Wen haben wir denn da?
Ne an LW: Eine Nelke, meine Schwester ist übrigens auch hier. Hübsch nicht?
LW: Wie heisst es doch so schön: Die Nelken, die Nelken, sind die ersten, die welken.
(schadenfreudiges Lachen)
Ne und SF an LW: Löwenmaul, Löwenmaul, mit dem grossen Maul!

Vorhang.

Ruach, Ruach

Ruach, Ruach
Heiliger Geist, komm
schenk uns deine lebensbejahende Energie,
reiss uns aus unserer Lethargie,
Ängstlichkeit und Mutlosigkeit.

Ruach, Ruach
Windsturm, trag uns fort,
von festgefahrenen Wegen, Sachzwängen
und dem müden Alltagstrott
bring uns zu unseren Träumen und Visionen.

Ruach, Ruach
Windhauch, tröste uns
trockne unsere Tränen
versprühe deine Zärtlichkeit
in den Hass dieser Welt.

Ruach, Ruach
Du Heiliger Geist,
mal stark wie ein Windsturm,
mal leise wie ein Windhauch,
Du bist der Atem Gottes.

Amen.

Frühlingsputz

Heute räume ich
meine verstaubte Seele auf.
Ich öffne das Fenster weit,
ein Sonnenstrahl kitzelt
meine wintergrauen Spinnweben.

Ich bringe Ängste und Sorgen
zum Altpapier und schlechte
Gewohnheiten zum Sondermüll,
die verblichenen Träume
wasche ich im Schongang.

An der Wand hängt nun
ein Bild aus glücklichen Kindertagen,
auf dem Tisch steht ein
Strauss aus wilder Fantasie.
Es duftet nach Fliederfrühling
und frisch gebügelten Träumen.


Der kleine Knoblauch

Es war einmal ein winzig kleiner Knoblauch. Er war kleiner als ein Fingerhut. Weil die anderen Pflanzen im Garten sich immer vordrängten, wenn die Sonne ihr Licht verschenkte, musste er im Schatten bleiben und blieb klein.

Es tat ihm weh, wenn der Gärtner kam und all das andere Gemüse lobte, weil es so gross geworden war. Den kleinen Knoblauch beachtete er gar nicht.

Eines nachts hörte der Mond ihn weinen und wusste auch bald den Grund. Er erzählte dies der Sonne. Sie versuchte sogleich am nächsten Morgen den kleinen Knoblauch wach zu kitzeln.

Doch die anderen Pflanzen drängten sich gierig nach vorne. Die Sonne wurde darüber so böse, dass sie ihre Strahlen heftig ausstreckte, so dass sich die anderen Pflanzen ihr Blätterkleid verbrannten.
„Der Knoblauch ist schuld!“, schrieen sie und wollten sich auf den Winzling stürzen. Doch er konnte sich im letzten Moment durch ein Mauseloch in Sicherheit bringen.

Er kam am andern Ende auf eine satte Wiese. Er rannte weiter, so schnell ihn seine Knoblauchfüsse tragen konnten. Er lief über hohe Berge und schmale Täler, bis er schliesslich erschöpft in einem Wald Halt machte.

Plötzlich hörte er ein fürchterliches Husten. Er blickte erschreckt um sich und entdeckte ein altes, erkältetes Waldmännchen. Dieses jammerte: „Oh ich darf nicht krank werden. Wer sonst hilft den jungen Hasen aus den Fallen? Wer soll dann dem Fuchs zu fressen bringen? Und wer spricht mit dem griesgrämigen Dachs. Oh, ich darf nicht krank werden!“

Da nahm der kleine Knoblauch all seinen Mut zusammen und rief: „Warte, ich kann Dir helfen!“
„Wer spricht denn da?“ fragte das Erdmännchen erstaunt. „Ach, Du. Du willst mir helfen? Na wie denn?“
Der kleine Knoblauch räusperte sich und befahl: „Lege mich über Nacht auf Deinen Hals und am Morgen bist Du wieder gesund!“

Das Waldmännchen war neugierig geworden und tat, was ihm empfohlen wurde. Als es dann tief und fest schlief, holte der kleine Knoblauch seinen winzigen Besen hervor und fegte mit kräftigen Schwingen die bösen Bazillen weg: „Husch, weg mit euch, husch, husch.“

Tatsächlich war das Waldmännchen am nächsten Morgen wieder gesund. Es versprach dem kleinen Knoblauch, ihm den grössten Wunsch zu erfüllen.
Mit glänzenden Augen flüsterte dieser: «Ich möchte gerne auch einmal eine Freude für die Menschen sein.»

Seine Bitte wurde ihm sogleich erfüllt: das Waldmännchen verwandelte den kleinen Knoblauch in einen leuchtenden Stern. In der Nacht hängte der Mond ihn behutsam an den besten Platz am Himmelszelt.

Ja, und wenn Du nun einen Stern siehst, der heller leuchtet als alle andern, dann weisst Du, dass es der kleine Knoblauch ist.