Dreamtime

Dream, dream Aboriginal, schenke mir deine Flügel.


Ich, die Weisheit, verweile bei der Klugheit, entdecke Erkenntnis und guten Rat.
Der Herr hat mich geschaffen im Anfang seiner Wege, vor seinen Werken in der Urzeit; in frühester Zeit wurde ich gebildet, am Anfang, beim Ursprung der Erde.
Als die Urmeere noch nicht waren, wurde ich geboren, als es die Quellen noch nicht gab, die wasserreichen. Ehe die Berge eingesenkt wurden, vor den Hügeln wurde ich geboren.
(Spr.8,12 und 8.22ff)


Das Weltbild der Aborigines basiert auf dem Glauben an eine längst vergangene Traumzeit (dreamtime), in derenVerlauf mythische Wesen auf der Erde das gesamte materielle und geistige Leben schufen.

Dream, dream Aboriginal! Spann deine Flügel aus und suche deinen Morgen. Öffne dein Herz für den Ursprung dieser Welt, als Gott die Weisheit aussandte, damit wir das grosse Amen verstehen können.

Dream, dream Aboriginal! Spann deine Flügel aus und suche deinen Morgen. Dein Geschlecht ist uralt. Es wurde schon geboren, als der Mensch erst anfing Mensch zu werden. Als er sich vom Paradies zu emanzipieren versuchte. Das Lied, das aus dem Garten Eden erklang, hallt bei deinem Volk noch am Längsten nach.

Dream, dream Aboriginal! Spann deine Flügel aus und suche deinen Morgen. Man nennt dich primitiv. Keiner von deinen Brüdern oder Schwestern hat eine Atombombe entworfen oder ein KZ gebaut. Keiner von euch war der Erfinder von Arbeitsplätzen, die Arbeitslose schaffen.

Dream, dream Aboriginal! Spann deine Flügel aus und suche deinen Morgen. Dein Wissen steht nicht in Büchern geschrieben. Du liest in den Blättern der grossen Bäume, im Wachsen und Verblühen einer Jahreszeit.

Dream, dream Aboriginal! Spann deine Flügel aus und suche deinen Morgen. Wir haben dir unsere Zivilisation geschenkt. Und das ist sie: Alkohohl, Masern, Syphilis, Mord- und Totschlag; eine Gier nach Geld und ein Hunger nach Macht.

Mit grossen Worten haben wir dir unsere Religion erklärt. Du schaust uns lächelnd an und sagst: „Die Weisheit wohnt schon lange bei uns!“

Dream, dream Aboriginal, schenke mir deine Flügel.


Der Blumentraum

Ein alter Garten war in einen Ziergarten und in eine Geröllhalde aufgeteilt.
Der Ziergarten lag im vorderen Teil. Es blühten Rosen, Lupinen und andere feine Blumen. Es duftete nach Lavendel, Thymian, Melisse und Salbei. Dieser Teil war das ein und alles des Gärtners und seiner Familie.
Die Geröllhalde bestand aus einem Haufen grauer Steine, die man jahrelang hierher geschüttet hatte. Ebenso war hier auch Platz für den Kompost. Hierher kam der Gärtner nur, wenn er Unrat abladen musste.
Ganz hinten stand die alte Mauer und grenzte den Garten vom Nachbarsgarten ab.
An dieser Mauer wuchs eine kleine Blume der Sonne entgegen. Von da aus konnte sie gerade noch in den Ziergarten sehen.
Es war ihr erster Frühling. Niemand wusste so recht, wie sie dahin gekommen war…vielleicht der unglückliche Zufall des Windes.
Sie hatte viel Zeit zum Nachdenken. Am meisten faszinierte sie die Mauer. Die beiden waren aufeinander angewiesen. Während die Mauer ihr Schutz und Halt gab, zauberte die Blume Farben ins Grau.
Manchmal liess sie ihre Gedanken weit schweifen. Meistens landeten sie hinter der anderen Seite der Mauer. Für die kleine Blume war das schon recht weit.
Wie gerne hätte sie gewusst, was dahinter lag. Wen sie auch fragte, niemand konnte ihr eine Antwort geben. Aber sie spürte, dass hinter der Mauer etwas ganz Besonderes, ein Geheimnis verborgen war.
Wie wuchs sie in den langen Sommertagen! Sie durfte recht stolz auf ihre Grösse sein. Doch dann fegten die ersten Herbststürme brausend übers Land.
Die kleine Blume verlor ihren Lebensmut. Ängstlich verkroch sie sich unter die Mauer. Im Winter fror sie bitterlich, obwohl die Mauer einen Teil des Frostes abwehren konnte.
Ein neuer Frühling zog ins Land. Die Blume wuchs wieder, wie auch die andern im Ziergarten. Langsam begann die Blume zu ahnen, dass sie nur eine Mauerblume war. Wie oft beneidete sie die andern. Sie wünschte sich, einmal in ihrem Leben das rote Kleid der Rosen tragen zu dürfen. Oder so schön zu leuchten, wie es die Lupinen taten.
Wie gerne hätte sie auch so eine duftende Zärtlichkeit des Lavendels oder des Thymians versprüht. Doch sie blieb eine Mauerblume. Mit Wehmut sah sie den Blumen nach, die vom Gärtner abgeschnitten wurden.
Auch von den Kindern wurde sie übersehen, die sich doch alles pflückten, was nach Blume aussah.
Doch ebenso oft kam dann für die kleine Blume die Ernüchterung. Meistens lagen die gepflückten oder geschnittenen Blumen am nächsten Tag bereits auf dem Kompost. Nein, dieses kurze Blühen, ohne jemals das Geheimnis seiner selbst erfahren zu haben, lag ihr nicht.
Dafür wurde ihre Beziehung zur Mauer immer intensiver. Sie wusste, dass sie vor dem Hintergrund der Steine so schön farbig leuchtete.
Hin und wieder kamen Tage der Enttäuschungen. Dann war sie wieder drauf und dran, alle ihre Wünsche aufzugeben. Vielleicht war das Leben der anderen Blumen sinnvoller! Aber eine innere Stimme mahnte sie an das Geheimnis hinter der Mauer und sie verwarf ihre törichten Gedanken.
Sie war in der letzten Zeit ein grosses Stück der Sonne entgegengewachsen. Herbststürme trieben schon das Land zur Einkehr.
Die Blume wurde so zerzaust, sie verlor ihre Blätter, und der Stängel war an vielen Stellen aufgerissen.
Sie brauchte lange, bis sie darüber hinwegkam. Im nächsten Frühling wollte sie lange Zeit nicht mehr wachsen. Doch allmählich stieg wieder eine Kraft in ihr hoch. Ein Gefühl stieg auf, das ihr sagte, sie würde nun allen Stürmen trotzen können.
Sie wuchs weiter nach oben. Sie schoss nicht mehr, wie ein Pfeil aufwärts. Sie wuchs breit und rund und spürte ihre festen Wurzeln.
Eines Tages erwachte sie mit dem Gefühl, dass etwas ganz Besonderes geschehen würde. Ihr Herz klopfte schneller, als sie merkte, dass sie nur noch wenig unter der Mauerkante war. Heute würde sie es schaffen! Endlich! Der langersehnte Augenblick war da. Sie sah in den anderen Garten!
Wie war sie überrascht und erstaunt. Es war das Spiegelbild ihres eigenen Gartens! Vorne lagen der Ziergarten und weiter hinten die Geröllhalde. Und wo lag nun das Geheimnis, um dessen sie alles ausgehalten hatte?
Eine andere Blume, so schön wie sie, tauchte auf und sagte: „Ich wusste es, als ich heute aufwachte: Das ist mein Tag!“
„Dein Tag? Nein, unser Tag!“ erwiderte die Blume, die so lange gehofft hatte. Und ihre Blüten verschmolzen ineinander, wurden eins und verwandelten sich zu einem Sommervogel. Taumelnd vor Glück löste er sich von den fesselnden Stängeln.
Mit sachten, leisen Flügelschwingen flog er der Unendlichkeit entgegen. Frei und grenzenlos schwebte er über Dörfer, Orte und Felder. Er erzählte Menschen, Tieren und allen Pflanzen von seinem Geheimnis.
Und wo er hinflog, da spürten Menschen, Tiere und Pflanzen einen Herzschlag lang Utopia: Land der Erfüllung.


Herbstzauber

Ach
wie glänzt der Ahorn golden,
ich fühl mich so himmlisch.
Und auch die Beerendolden
locken mich so verführerisch
aus dem Alltagsgrau heraus
und ziehen mich ins Farbenspiel hinaus.

Denn
selbst im leisen Novembersterben
verschenkt sich der Ahorn mit Farbenmeer.
Ich Glücklicher darf es erben
und weiss doch, bald
ist es öd und leer
ist es bitter kalt.

So
richte ich meine Brille
auf diesen wundervollen Tag,
ich weiss, es ist nicht alles mein Wille,
es mag kommen, wie’s kommen mag.
Ich will mich mit fast allen Feinden versöhnen
und mich heute richtig verwöhnen.

Ich
lass es gut sein
lese Trauben und ein Gedicht,
trinke ersten, reifen Wein
spüre das letzte warme Sonnenlicht
auf meinen Armen
und lass mich fallen in Gottes Erbarmen.


Herbst

Und wenn
die Wildgänse ziehen,
weiss ich,
dass auch unser
Abschied naht.
Unser Zusammensein
trägt schon das Herbstkleid.
Bevor das letzte Blatt fällt,
mal ich in Gedanken
dich zur Unsterblichkeit.
Der Herbstwind mahnt
zum Aufbruch.
Ein letztes warmes Lächeln,
ein letzter zärtlicher Händedruck.
ich schau dir nach,
bis du nur noch
Erinnerung bist.

Dieses Gedicht, Herbst, wurde in die Anthologie der Brentano- Gesellschaft, Frankfurt, aufgenommen. Diese Edition  wird in grösseren Staatsbibliotheken, wie Wien, Paris, Berlin, Washinghton, etc. aufgelegt. Das Gedicht ist auf Seite 862 abgedruckt:


Reisefieber

Ich reise so gerne in die weite Ferne
bin ein Staunender unter Vielen,
gehe verschlungene, unbekannte Pfade,
bin Marco Polo oder Kolumbus,
und kehr dann doch
gerne wieder nach Hause zurück.

Stolz promeniere ich den Boulevard entlang,
bin ein Geniesser unter Zufriedenen,
bin Sophia Loren oder Greta Garbo,
bin James Dean oder Humphrey Bogart,
und fühl mich doch
am Wohlsten in meiner eigenen Haut.

Ich versuch’s in deiner Sprache
ein Wort im babylonischen Gewirr,
ich rede Englisch, Französisch
e un po d’italiano,
und merk doch,
es ist dein Lächeln, das ich verstehe.

Ich atme fremde Düfte ein,
spüre eine Rose im Blütenmeer,
bin offenen Sinnes und wachen Geistes,
der Alltag entschwebt in den Sternen,
und weiss doch,
er bleibt bei mir.

Ich komme aus der weiten Ferne
heim ins vertraute Nest,
ein Dankeschön aus vielen Erinnerungen,
der Koffer voller Souvenirs
und unerreichbaren Träumen,
und spür doch,
einer wird mir gelingen.

Freund Hein

M

it leisen, sachten Schritten
zieht Freund Hein übers herbstgoldene Land;
du spürst ein Zittern
und zärtlich seine Hand
und hörst ihn sagen komm,
von nun an
bist du mein.
Du hältst den Atem an,
fühlst dich, Falter gleich,
mit dem Lichte fortgetragen
und warm und weich
strömt es in dich hinein.
Um dich Stille, Ruh,
doch aus unbekannten Fernen
erklingen märchenhafte Weisen,
führen dich zu
den Sternen hin.
Mit sachten, leisen
Flügelschwingen ziehst du
sterbend gegen den Himmel zu;
fühlst dich befreit und leicht
und merkst vielleicht,
wie schön das Leben war.