Alter Mensch- dein Lächeln bleibt jung.

Diesen Text schrieb ich zusammen mit meiner Frau Hanna (kursiver Text). Sie arbeitet als Aktivierungstherapeutin.

Ich singe die Lieder ihrer Jugend, begleite mit meiner Handorgel. Da kommen die Erinnerungen: Sie hätte doch auch so gerne dieses Instrument gelernt, aber damals konnten nur die Buben ein Instrument lernen. Ich lege ihr die Handorgel in ihre Hände, sie berührt das Instrument ganz andächtig.

Alter Mensch, in einer längst vergangenen Zeit beheimatet und heute bist du verloren. Ein bekanntes Lied aus deiner Jugend schenkt dir Halt.

Ich massiere die Hände der dementen Frau, sie geniesst diese Berührung, schliesst die Augen, fängt leise an zu summen.

Um dich herum ist Nacht, du bist gefangen in deinem Kokon, der Geist ist ein unruhiges Flackern. Eine leise Berührung öffnet ein kleines Fenster zum Heute.

Ich bete «das Vater unser», Erinnerungen kommen hoch, er erlebt sich wieder in der Geborgenheit des Glaubens. Worte aus der Vergangenheit kommen an die Oberfläche, Sätze können ausgesprochen werden ohne dass nach den richtigen Worten gesucht werden muss.

Dein Glaube trägt und tröstet dich auf deinem letzten Weg. Vertraute Worte, die sich durch Runzeln und Nacht bahnen, um deinen innersten Kern zu erhellen.


Wie im Himmel

Ein verliebtes Mäuschen
geriet ganz aus dem Häuschen,
und vollführte einen Freudentanz.
Seine grosse Liebe kam ganz
unverhofft in sein Mäuseloch
und schenkte ihm dazu noch
ein kitzekleines Käsestück.
Und dieses kleine war dennoch
sein wunderbar grosses Glück,
ja, der Himmel auf Erden!
Verschmitzt denkt es sich:
«Aus uns beiden könnte noch was werden»,
und fühlt so sich himmlisch glücklich.


Wohin geht die Stille

Wohin geht die Stille,
wenn der Lärm kommt?

Sie bleibt und
wartet geduldig,
wie das weiche Wasser,
das den Stein abträgt.

Ein Mann kann noch so laut schreien,
und doch, irgendeinmal verstummt er.
Der Frühling kündigt sich nicht
mit Pauken und Trompeten an,
sondern mit dem ersten Grün
und dem leisen Knospentreiben.

Die Stille ist stärker
als der Lärm
und bleibt.


Der knorrige Baum

Wie ein Hutzelmännchen
wirfst du knorrig und zerzaust
deine Äste in den Wind.
Wurzel tief und fest,
trotzt du jedem Sturm.

Da sind so viele Narben,
so viele Brüche und Risse,
ein Seufzen und Klagen,
ewiges Wünschen und Sehnen,
und ein Warten auf diesen
einen, allerletzten Frühling noch.

Und doch- aus Wunden
treibt es neu und trotzig,
im alten Holz erwacht ein Traum,
eine kleine Knospe verschenkt sich.
Und du weisst, es wird nicht
diese eine letzte sein.

(2. Januar 2022)


Reiss die Himmel auf

Adventsmeditation 21

Der Himmel so weit weg
und das Herz so schwer,
irre ich durch die Nacht.
Gott, ich klage zu dir.
Das Jahr so lang,
und die Beine so schwer
suche ich Halt und Licht.
Gott, wo bist du?

Herr reiss die Himmel auf
steig herab von deinem Thron
komm aus deiner Ferne
zu mir in meine Nähe.
Halte mich fest und geborgen,
gib mir deine starke Schulter,
leuchte mir und zeige mir
den Weg aus dem Jammertal.

Der Rosenzweig, der im Dunklen liegt
er ist nicht tot, er atmet ein und wartet,
macht sich bereit, Wurzel um Wurzel
und treibt seine Knospen ans Licht.
Meine begrabenen Träume und Hoffnungen,
sie schlafen ihren Wintertraum,
und eines Tages, vielleicht auch morgen,
wachen sie auf, gestärkt zum Leben.

Der Himmel so nah
und das Herz so leicht,
brennt ein Licht in mir,
dekoriert mit Sternenglanz.
Und die Christrose blüht
so unverhofft im Advent.
Sei du mein Leitstern
der zu Krippe führt.


Der universelle David

(In Anlehnung an Donovans «Universal Soldier»)

Er ist gross, er ist klein, er ist jung, er ist alt,
er kämpft mit einem Lächeln auf dem Gesicht,
ihn lässt das Elend nicht kalt,
und doch verliert er die Hoffnung nicht.

Er ist ein Träumer, ein Spinner, ein Fantast,
er ist ein Denker, ein Werker, ein Realist,
und er weiss, diese Welt trägt zu viel Ballast,
und er weiss, dass jedes Engagement nötig ist.

Er kämpft für die Schwachen, er kämpft für Gerechtigkeit,
er kämpft für Greenpeace, er kämpft für die Natur,
er kämpft für eine neue Velospur,
und er ist überzeugt von seiner Richtigkeit.

Und er ist einer, der für die Indianer und die Frauen einsteht,
er wünscht sich einen waffenlosen Frieden auf der Welt,
er fragt nicht nach dem Geld
er ist einer, der seinen ureigenen Weg geht.

Und ohne ihn gäbe es keine Wälder mehr,
ohne ihn hätten die Unterdrückten keine Stimme.
Er ist einer, für den sind seine Gedanken sein Speer,
er schaut auf ideelle, nicht auf materielle Gewinne.

Er ist der universelle David,
er vertraut auf Gott und auf sich,
er kommt von hier und da, ist niemands Mitglied,
hey du, kannst du sehen, er wartet auf dich.

(1992)