Segen an Pfingsten

Ruach, Ruach
trage mich fort,
hinaus in den Alltag.
Die Winde stehen günstig.

Ruach, Ruach
hilf mir und stütze mich,
wenn ich alt und gebrechlich bin,
sei du meine liebevoller Begleiterin.

Ruach, Ruach
öffne mir die Augen
für die kleinen Wunder am Wegrand
und das Glück im Hier und Jetzt.

Ruach, Ruach,
segne uns mit deiner Geisteskraft,
sei unter uns, heute und morgen
mit deinem lebensspendenden Atem.

Atem


Weil du mir Vertrauen schenkst.

Sei willkommen, Fremder! Erhole dich von deiner langen Flucht. Lege ab deine schwere Last, dein Trauma, heile deine Wunden.
Ich sage JA zur dir, du bist eine Bereicherung mit deiner Kultur, deinem Glauben und deiner Lebenserfahrung. Und manchmal sage ich NEIN, wenn ich an meine Grenzen stosse.
Ich übe mich in Gastfreundschaft.

Denn du Gott, öffnest mein Herz, himmelweit und bietest mir Raum in deinem Gebet.

Ein Spaziergang in der Natur bringt mich zum Staunen. Die versponnenen Blüten, die mächtigen Bäume und das reife Korn sind Zeichen deiner grossen, unendlichen Liebe. Selbst der Regen macht mir nichts aus, auch wenn ich mich leise ärgere, weil ich den Schirm zuhause vergessen habe. Es ist lebendiges Wasser, das Leben bringt.

Denn du, Heiliger Geist, bist der kreative Schöpfer, schenkst uns Atem und Lebenskraft.

Ich trete ein für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Du Nazarener gehst voran, deinen Fussspuren folge ich gerne. Einige Wege führen mich an den Rand der Gesellschaft. Und manchmal bin ich verzweifelt über diese vielen Ungerechtigkeiten, doch nie resigniert.

Denn du, Jesus, wirfst geduldig immer wieder dein Netz nach mir. Ich darf fallen und werde von dir getragen.

Amen


Schräge Vögel

Wo sind sie geblieben? All die schrägen und verschrobenen Vögel, die es während meiner Kindheit noch gab. Sicher, manchmal haben sie mich geängstigt. Dann und wann habe ich sie auch bewundert, weil sie so bar jeglicher Norm gelebt haben. Oft steckte hinter der rauen Schale ein weicher Kern, ein kindliches Gemüt. Da lief doch tatsächlich ein kauziger Knecht dem Regenbogen entgegen und wollte auf diesem spazieren gehen.

Sie sind heute nicht mehr erwünscht, fallen durch alle Raster, wie man sein sollte und müsste. Wir räumen auf, etikettieren fein säuberlich und stecken sie dann in die entsprechende Schublade. Ihre Andersartigkeiten erhalten neue Namen. Die eine hat ein Asperger Syndrom, ein anderer ADHS und Menschen mit einem Down-Syndrom haben heute Trisomie 21.

Doch das Leben vollzieht sich meistens nicht so gradlinig. Es geschieht mit Brüchen und rauen Flächen, es will gelebt werden, auch an den Rändern. Und gerade das machen Begegnungen und das Aneinanderreiben mit diesen Aussenseitern so spannend und herausfordernd.


Alter Mensch- dein Lächeln bleibt jung.

Diesen Text schrieb ich zusammen mit meiner Frau Hanna (kursiver Text). Sie arbeitet als Aktivierungstherapeutin.

Ich singe die Lieder ihrer Jugend, begleite mit meiner Handorgel. Da kommen die Erinnerungen: Sie hätte doch auch so gerne dieses Instrument gelernt, aber damals konnten nur die Buben ein Instrument lernen. Ich lege ihr die Handorgel in ihre Hände, sie berührt das Instrument ganz andächtig.

Alter Mensch, in einer längst vergangenen Zeit beheimatet und heute bist du verloren. Ein bekanntes Lied aus deiner Jugend schenkt dir Halt.

Ich massiere die Hände der dementen Frau, sie geniesst diese Berührung, schliesst die Augen, fängt leise an zu summen.

Um dich herum ist Nacht, du bist gefangen in deinem Kokon, der Geist ist ein unruhiges Flackern. Eine leise Berührung öffnet ein kleines Fenster zum Heute.

Ich bete «das Vater unser», Erinnerungen kommen hoch, er erlebt sich wieder in der Geborgenheit des Glaubens. Worte aus der Vergangenheit kommen an die Oberfläche, Sätze können ausgesprochen werden ohne dass nach den richtigen Worten gesucht werden muss.

Dein Glaube trägt und tröstet dich auf deinem letzten Weg. Vertraute Worte, die sich durch Runzeln und Nacht bahnen, um deinen innersten Kern zu erhellen.


Wie im Himmel

Ein verliebtes Mäuschen
geriet ganz aus dem Häuschen,
und vollführte einen Freudentanz.
Seine grosse Liebe kam ganz
unverhofft in sein Mäuseloch
und schenkte ihm dazu noch
ein kitzekleines Käsestück.
Und dieses kleine war dennoch
sein wunderbar grosses Glück,
ja, der Himmel auf Erden!
Verschmitzt denkt es sich:
«Aus uns beiden könnte noch was werden»,
und fühlt so sich himmlisch glücklich.


Wohin geht die Stille

Wohin geht die Stille,
wenn der Lärm kommt?

Sie bleibt und
wartet geduldig,
wie das weiche Wasser,
das den Stein abträgt.

Ein Mann kann noch so laut schreien,
und doch, irgendeinmal verstummt er.
Der Frühling kündigt sich nicht
mit Pauken und Trompeten an,
sondern mit dem ersten Grün
und dem leisen Knospentreiben.

Die Stille ist stärker
als der Lärm
und bleibt.


Der knorrige Baum

Wie ein Hutzelmännchen
wirfst du knorrig und zerzaust
deine Äste in den Wind.
Wurzel tief und fest,
trotzt du jedem Sturm.

Da sind so viele Narben,
so viele Brüche und Risse,
ein Seufzen und Klagen,
ewiges Wünschen und Sehnen,
und ein Warten auf diesen
einen, allerletzten Frühling noch.

Und doch- aus Wunden
treibt es neu und trotzig,
im alten Holz erwacht ein Traum,
eine kleine Knospe verschenkt sich.
Und du weisst, es wird nicht
diese eine letzte sein.

(2. Januar 2022)