Kyrie-Gebet

Aus dem Alltag,
aus den Ferien,
aus verschiedenen Häusern,
Quartieren und Orten,
von zu Hause aufgebrochen,
stehen wir vor dir.
Du Gott bist unsere Mitte.
Herr, erbarme Dich, Kyrie Eleison.

Wir sind ruhig, wir sind zufrieden,
wir sind ruhelos, wir sind aufgewühlt,
uns geht es gut, wir lachen,
wir haben Angst, wir weinen,
wir sind zufrieden, wir geniessen,
wir sind gespannt, wir warten.
Du Gott bist unsere Sehnsucht.
Herr, erbarme Dich, Kyrie Eleison.

Einzeln sind wir ein Flickwerk,
zusammen ein Netz, das hält.
Einzeln sind wir ein leiser Ton,
zusammen eine Melodie, die stimmt.
Einzeln sind wir verloren,
zusammen sind wir stark.
Du Gott machst uns ganz.
Herr, erbarme Dich, Kyrie Eleison.

Amen

Eine Blattbetrachtung

Es war einmal ein Blatt, dem wurde alles viel zu viel mit all diesen vielen Blattadern und –äderchen. Ihm genügte die Hauptachse: schön senkrecht, schön waagrecht, da wusste es, woran es war. Die anderen Adern, die in alle Richtungen flossen, verwirrten es nur.
Das Blatt beschloss Ordnung zu schaffen. Es klemmte alles ab, was nicht zur Hauptachse gehörte.

Es war einmal ein Blatt, das starb mitten im Sommer, weil es meinte, die absolute Wahrheit gefunden zu haben. An den Rändern wurde es braun, das einst frische Grün wurde leer. Zuletzt blieb nur noch die Hauptachse als trauriges Mahnmal zurück.

Es war einmal ein Mensch, dem wurde alles viel zu viel mit all diesen vielen Religionen, Ideologien und Meinungen. Ihm genügte eine – schön aufrecht und schön waagrecht. Da wusste er, woran er war.


So bekämpfte er rigoros alles, was von dieser Hauptlinie abwich. Es war einmal ein Mensch, der wurde an den Rändern braun und innerlich leer.
Im Gegensatz zum Blatt lebte der Mensch weiter und vermehrte sich sogar, bis es unzählige wurden, die nur noch auf ihre Hauptachse schworen. Ein neues Geschlecht ward geboren: der „Homo intolerans“. Man sieht ihn überall, er kämpft mal für dies und mal für das. Oft merkt er gar nicht einmal, dass er sich eigentlich um die gleiche Hauptachse wie die anderen streitet. Wo ihm die Argumente ausgehen, schafft er sich mit Schlagwörtern Gehör.


Wenn man um sich schaut, könnte man meinen, die Welt bestünde nur noch aus leerem Geschrei. Und doch, es gibt sie noch: Die Stillen, die Leisen, die den feinen Äderchen folgen, auch wenn sie sich ab und zu verirren. Die auch andere Argumente versuchen zu verstehen, auch wenn es sie verwirrt.


Denn da war Einer, der lebte für all diese kleinen Blattadern und –äderchen. Er wurde nicht müde, die Einheit des ganzen Blattes zu lehren. Doch die Blinden kreuzigten ihn; nagelten ihn ausgerechnet an die Hauptachse. So hing Jesus- zuerst als ein trauriges Mahnmal. Aber er überwand die Totenstarre. Er blies der Hauptachse neues Leben ein. Damit wir wieder aufrecht gehen können, mit weit ausgestreckten, waagrechten Händen, offen für andere.

Dein Leben in Fülle

Und
Du schenkst mir
das Leben in Fülle
reich und überschwänglich.
Aus meinem vollen Stundenglas
perlen kostbar glänzende Momente
über.

Und
selbst in meinen
dunklen Stunden
bist du nah bei mir,
legst verheissungsvolle Worte
in meinen Wunden
sanft.

Und
ich lebe achtsam
meinen Traum,
von Dir geschenkt.
Reibe mich an meinen
Ecken und Kanten,
Du bist bei mir
aus Liebe
ganz.

Dankstelle

Ich sage Danke an dieser Stelle
für das kleine Samenkorn,
ein unscheinbarer Hauch bloss,
ein leises Erbarmen.
Und doch, es wächst, wird gross-
eine reiche Ernte halte ich in den Armen.

Ich sage Danke an dieser Stelle
für den glänzenden Regentropfen,
ein Wunder voller Farben,
er schenkt Leben im Kleinen.
Und für den kleinen Sonnenstrahl,
der mich neckisch an der Nase kitzelt.

Ich sage Danke an dieser Stelle
für den Frühling, der meinen Kokon sprengt,
für den Sommer, mit seinen langen Nächten
und seiner unbeschwerten Fröhlichkeit,
für den Herbst, der mir seine
Lebensfülle gibt und für den
Winter, der mich zur Stille einlädt.

Ich sage Danke an dieser Stelle
für das Kind, das mich zum Staunen bringt,
für den Teenager mit seinem
unbändigen Drang zum Leben,
und für den Menschen an meiner Seite,
der mein Leben mit all seinen Facetten teilt.

Ich sage Danke an dieser Stelle
für mein Leben mit all seinen
Höhen und Tiefen, mit seinen
vielen unerwarteten Wendungen,
es gewinnt wohl nie einen Schönheitspreis,
doch ich liebe es, es ist meines.

Ich sage Danke an dieser Stelle
für jede Falte im Gesicht,
jede einzelne ist eine Lebensspur
aus gelebten Tagen und erfüllten Träumen,
sie zeigen mir, das Leben ist schön,
trotz dem vielen, das Narben hinterlässt.

Ich sage Danke an dieser Stelle
für den Gevatter Tod,
er lässt mich nicht allein:
Wenn ich diesen letzten Schritt gehe,
nimmt er mich an der Hand
spricht er mein Amen,
wenn ich verstumme.

Urvertrauen

Wie oft bist du gefallen
und doch immer wieder aufgestanden.
Mit jedem Aufstehen wächst ein
Stück Urvertrauen,
das Netz, das dich trägt,
wird stärker und hält.

Wie oft fühlst du dich
verschwindend klein,
ein Staubkorn im Raum der Unendlichkeit.
Und hoffentlich ebenso oft,
spürst du das Lächeln des ewigen Geistes,
das dein Herz flutet
und dich gross und stark macht.

Es ist das Urvertrauen Gottes,
das dich auffängt, wenn du fällst.

Ruhe finden

Ottilien-Kirchlein, Obertüllingen D

Im Verzeichnis der mythischen Orte am Oberrhein zu finden.

Du lädst mich
zum Verweilen ein,
ich finde deine Ruhe hier
und begegne dich
mit all meinen Sinnen.
Ich spüre den Pulsschlag
wie ein Uhrwerk,
das einst und jetzt
und ewig schlägt.

Ich lege in deine Hände
meine Sorgen, meine Ängste,
all das dunkle, schwere,
das mich engt und
mich am Leben zweifelt.
Du verwandelst meine Last
in bunte Hoffnung
und neuen Mut.

Sternengebet

Lieber Gott

Manchmal da bin ich dir ganz nah
fühle mich berührt von dir
tauche ein in deine Wahrheit,
werde leise, werde ganz ruhig.
Und dann wieder bin ich
Lichtjahre von dir entfernt
und du bist mir fremd.
Ich lausche nach deinen Worten
doch höre ich nur ein Rauschen.
Ich bin ein kleiner Stern
umkreise dich, bin bei dir,
bin dir ganz fern.
Doch ich kann nicht lassen von dir.

Amen