Damals vor endlosen Urzeiten heiratete Gott seine grosse Liebe, seine Göttin. Verliebt schlenderten sie im himmlischen Garten umher, der unter der geduldigen Hand der Göttin von einem farbigen Wunderwerk ins andere überfloss. Gott drückte seine Liebe zu ihr mit vielen kleinen Bildern, Schnitzereien und Töpfereien aus. Manchmal, wenn ihnen der Himmel, den sie von der Abendbank aus still betrachteten, leer vorkam, verzog er sich in seine kleine Werkstatt. Alsbald oder auch länger tauchte er dann verschmitzt vor seiner Göttin auf; die eine Hand hielt er hinter seinem Rücken versteckt. Sie konnte es kaum erwarten, bis er ihr das neue Präsent zeigte. Mal war es ein Komet, der für einen unvergesslichen Moment lang den Nachthimmel in einen Paradiesvogel verwandelte. Oft waren es auch unvergängliche Geschenke. Kurz nach der Hochzeit schenkte er ihr Sonne, Mond und Sterne. Er erklärte ihr: „Die Sonne wird dich durch den Tag begleiten, Mond und Sterne werden im Nachthimmel ihre leuchtenden Kreise ziehen!“
Immer wieder war es dann die Göttin, welche diese Geschenke vollkommen machte. Vorsichtig sammelte sie im Garten die Tautropfen ein und träufelte diese auf die kleinen Kunstwerke. Das Glitzern, das sie nun staunend betrachten konnten, spiegelte sich auch in ihren Herzen! In der Zeit kurz vor dem ersten Hochzeitstag war Gott besonders eifrig. Zuerst suchte er sich aus den Planeten, die er später noch modelliert hatte, den schönsten heraus. Er legte ihn auf die Werkbank. Darauf wanderte er lange im Garten umher und nahm die Gedanken mit, die seine Seele berührten. In liebevoller Kleinarbeit bastelte er tage- und nächtelang am kleinen Planeten herum. Um das Wasser, das ihm als Wichtigstes erschien, schuf er eine farbige und fruchtbare Natur. Die Pflanzen waren kleine Imitationen des himmlischen Gartens. Er schnitzte Tiere, während er an all die Liebe, die ihm seine Frau gab, dachte. Als letztes formte er zwei Gestalten aus Lehm. Die eine glich ihm, die andere war ein Ebenbild seiner Frau. Seine Göttin hatte Tränen in den Augen, als er ihr sein Meisterwerk zeigte. Ein inniger Kuss und eine Umarmung, die ein Mondlächeln-lang dauerte, war der kleine Dank dazu. Vorsichtig hängten sie den kleinen Planeten an seinen Platz zurück. Doch irgend etwas fehlte noch. Die Göttin holte ein leeres Seifenblasen-Fläschchen. Gemeinsam gingen sie in den Garten und füllten es mit seinen Farben und seinen zärtlichen Erinnerungen, die er ausstrahlte. Ein Kuss von beiden und das Fläschchen war voll. Hand in Hand besuchten sie den Planeten und liessen das Seifenblasenspiel über ihn tanzen. Nun spürte Gott, was er in seinem praktischen Tun vergessen hatte- er hatte dem Planeten keine Seele eingewoben.
Ein wenig weit war der Weg zu diesem Planeten, den sie „Erde“ tauften. Und so schuf Gott eine Brücke aus sechs Farben. Das waren: Violett, Blau, Grün, Rot, Orange und Gelb. Die Farben legte er sachte übereinander, bis ein Regenbogen entstand. Er holte seine Frau aus ihrer Gartenarbeit heraus und stolz führte er sie über diese Brücke. Der Regenbogen und der Himmel zitterten leise und die beiden Menschen auf der Erde hielten ehrfürchtig den Atem an.
Die Jahre vergingen. Gott und seine Frau wurden älter. Die Menschen auf der Erde wurden derer viele. Gott hatte ihnen damals die Kraft der Liebe geschenkt, die es ihnen möglich machte, neu in ihren Kindern aufzugehen. Und so lebten sie viele Jahre so, waren beseelt und der Herzschlag der Liebe lebte in Allem. Eines Tages fehlte dem Regenbogen eine Farbe. Gott wurde sehr traurig. Seine Frau tröstete ihn, dass er ja noch die anderen Farben habe. „Wenn das nur gut geht!“ seufzte Gott. Seine düsteren Ahnungen bestätigte sich. Bald fehlte auch die nächste und der Regenbogen wurde sehr brüchig.
«Vielleicht hast du sie mit den vielen Farben überfordert. Vielleicht müssen sie sich jetzt an eine halten!“ meinte die Göttin, doch Gott wurde immer nachdenklicher. Bald war auch letzte Farbe verschwunden und die Erde lag weit weg. Gerade jetzt wäre diese Brücke nötig gewesen. Auf der Erde passierten schlimme Dinge, die Gott krank machten: Jedes Volk hatte eine Farbe genommen und mit ihr eine dunkle Mauer um sein Reich gezogen. Die Menschen begannen Kriege miteinander zu führen. Jedes Volk behauptete, seine Farbe sei die einzig wahre. Die Leute wurden blind vor Hass. In ihren Herzen erlosch langsam der Pulsschlag von Gottes Seele. Ein wüstes Geschrei mussten Gott und Göttin hören. Er wurde noch kränker und zog sich in seine Kammer zurück. Selbst die Gemüsesuppe, die ihm seine Frau gekocht hatte, liess er stehen. Lange stand die Göttin an ihren gemeinsamen Lieblingsplatz, wo man weit über die Erde schauen konnte. Sie fühlte einen riesengrossen Schmerz in sich aufsteigen. All diese gemeinsame Liebe von ihr und ihrem Mann, die auf der Erde pulsierte. Doch die Menschen hatten den Rhythmus mit Gewehren und Granaten in Stücke gerissen und ihn in ein zerhacktes Staccato zerfetzt. Zum Glück hatte sie noch den Garten. Dieser zeigte ihr auch, dass in jedem Winter auch bereits das Samenkorn des Frühlings schlummert.
Eines besonders schönen Herbsttages kam die Göttin aufgeregt ins Haus und führte ihren Mann hinaus. Seine Augen füllten sich mit Tränen, als er den kleinen Regenbogen sah. Gewiss, es waren nur zwei Farben, grün und violett, die ineinandergeflochten waren, aber der Regenbogen lebte und führte von der Erde bis zum Himmel hinauf. „Schau,“ sagte die Göttin. «Zwei Menschen haben sich in Liebe zueinander gefunden!“ „Aber was ist daran Besonderes? Das war doch immer so.“
„Nicht so wie dieses Mal. Die beiden entstammen aus zwei verschiedenen Kreisen. Sie mussten zuerst ihre eigenen Mauern durchbrechen, doch die Liebe war stärker als die Mauer um sie herum!“ Ihre Stimme überschlug sich fast vor freudiger Erregung: „Als sie spürten, wie die Liebe ihnen den Pulsschlag der Seele zurückgab, schenkten sie einander das Wertvollste, was man sich unter den Menschen geben kann. Ja, mein Lieber, stell dir vor, ihre eigenen Farben gaben sie einander, als Zeugnis ihrer grossen Liebe!“
Gott hätte, wenn er noch jünger gewesen wäre, glattwegs einen Purzelbaum geschlagen. Eilig lief er nach Hause und spürte, wie die Hoffnung neu in ihm aufstieg.
(1992)